Und mittendrin die Kittelschürze

von Monika Eichenauer


Der "Mobile Kleiderschrank" der KulturRegion FrankfurtRheinMain macht im Rahmen des großen Projektes Geist der Freiheit - Freiheit des Geistes" Station in Büdingen und ist bestückt mit Kleidung, Modezeitschriften und weiteren Utensilien aus der Wendezeit Ende der 1980er Jahre. Er ist ein Gemeinschaftsprojekt der beiden Partnerstädte Büdingen in Oberhessen und Herzberg in Brandenburg. In Büdingen kümmerten sich der Büdinger Verschwisterungsverein mit seiner Vorsitzenden Sieglinde Huxhorn-Engler und Arnika Haury von der Tourist-Info um die die "Füllung", aus Herzberg schickte Kulturamtsleiterin Karin Jage Exponate. Im kommenden Frühjahr wird der "Mobile Kleiderschrank" in Herzberg ausgestellt.


„Ist Mode politisch? Schafft Mode Identität?“ sind Fragen in einer Programmreihe des großen Projektes „Geist der Freiheit – Freiheit des Geistes“ der KulturRegion FrankfurtRheinMain. Die Frage lässt sich eindeutig mit „Ja“ beantworten, wie die Ausstellung des „Mobilen Kleiderschranks“ der KulturRegion in der Sparkasse Büdingen belegt. Dieser Schrank ist mit Mode und weiteren Exponaten der Wendezeit aus Ost und West, aus der damaligen DDR und der BRD, aus Herzberg in Brandenburg und Büdingen bestückt. Offiziell eröffnet wurde die Ausstellung fast genau auf den Jahrestag des Mauerfalls vor 32 Jahren am Freitagmorgen von Landrat Jan Weckler. Sie dauert noch noch bis zum 25. November.


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Schick in Kittelschürze: auch die gehörte zur Alltagsmode in Ost- und Westdeutschland. Die Ausstellung „Mobiler Kleiderschrank“ wurde am Freitag von Landrat Jan Weckler in der Sparkasse Oberhessen in Büdingen eröffnet (von links: Henrike Strauch, Sieglinde Huxhorn-Engler, Frank Dehnke, Landrat Jan Weckler, Magdalena Zeller, Moritz Eßer, Leiter der Büdinger Sparkasse, Arnika Haury).


Der Wetteraukreis ist ebenso an der aktuellen Aktion des „Mobilen Kleiderschranks“ beteiligt wie der Büdinger Verschwisterungsverein, die Tourist-Info der Stadt Büdingen, das Kulturamt der Büdinger Partnerstadt Herzberg in Brandenburg und die Sparkasse Oberhessen. Im nächsten Jahr soll der Kleiderschrank nach Herzberg wandern und dort mit seiner gesamten Füllung gezeigt werden, als Geburtstagsgeschenk von Büdingen für Herzberg zum 30. Geburtstag der offiziellen Verschwisterung, die zwar schon im September 1990 besiegelt wurde, aber aufgrund der Pandemie nicht gefeiert werden konnte. „Dann feiern wir damit eben 30 plus zwei“, bekräftigte Sieglinde Huxhorn-Engler, Vorsitzende des Büdinger Verschwisterungsvereins.


Der Landrat dankte Magdalena Zeller, bei der KulturRegion zuständig für Projekt „Geist der Freiheit“ und Mitinitiatorin der Reihe „Kleidung, Freiheit, Identität“, Sieglinde Huxhorn-Engler, Arnika Haury von der Tourist-Info und Karin Jage vom Kulturamt in Herzberg für ihr großes Engagement „für dieses Projekt der beiden Partnerstädte“, gerade auch jetzt zum Jahrestag des herausragenden Wendepunkts der deutschen Geschichte. „Mode passt unbedingt dazu, denn Kleidung schafft Identität. Mode ist immer ein Ausdruck ihrer Zeit. Sie haben ein spannendes Thema aufgegriffen und mit passenden Utensilien aus Ost und West sehr ideenreich entwickelt, sogar die berühmten Kittelschürzen hängen am Schrank. Es passt gut zur Überschrift Geist der Freiheit - Freiheit des Geistes“. Er wies sogar darauf hin, dass Mode ein Zeichen von Reglementierungen, von Unfreiheit sein könne. Wecklers Dank ging auch an die Sparkasse Oberhessen, als „Raumgeber“. „Der Schrank ist ein Hingucker, man kommt nicht umhin, sich die Exponate anzuschauen“. Für Frank Dehnke, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Oberhessen, „ist es eine Ehre, den Schrank hier ausstellen zu dürfen, wir unterstützen das Projekt sehr gerne“.


Magdalena Zeller dankte ebenfalls allen Mitwirkenden und wies darauf hin, was in den Exponaten sehr deutlich werde: „Mode hat mehr Verbindendes als Trennendes zwischen Ost und West. Gerade in der ehemaligen DDR hat Mode eine eigene Identität geschaffen. Besonders unter jungen Leuten, für die das Tragen von West-Jeans schon ein Zeichen von Protest und Rebellion war und ein modisch politisches Statement, für das sie in Kauf nahmen, von der Obrigkeit zurecht gewiesen zu werden“. Die ab Mitte der 1970 in der DDR gefertigten Jeans, sogenannte „Doppelkappnahthosen“ Marke „Wisent“ oder „Boxer“ waren verhasst bei den Jugendlichen. Erste Stadträtin Henrike Strauch, zuständig für Kultur und Verschwisterung bei der Stadt Büdingen, übermittelte die Grüße von Bürgermeister Erich Spamer und erinnerte selbst an die Kittelschürzen, die genauso wie in der DDR auch in der BRD „en vogue“ waren. „Meine Oma trug immer so eine über der Kleidung, das war völlig normal und die waren nicht nur praktisch, sondern manche auch extra schick“. Sie betonte, der „Mobile Kleiderschrank“ sei „ein fantastisches gemeinschaftliches Projekt von Herzberg und Büdingen und jetzt in dieser Zeit besonders wichtig“.


Sieglinde Huxhorn-Engler dankte Magdalena Zeller, dass sie mit dem Projekt an den Büdinger Verschwisterungsverein herangetreten sei und dass der Kleiderschrank sogar nach Herzberg reisen dürfe. „Wir haben damit bei uns und unseren Freunden etwas angestoßen, das große Freude macht und weitere Kreise zieht“. Für die Ausstellung in Herzberg werde weiter gesammelt. Sie machte darauf aufmerksam, wie kreativ die Frauen in der ehemaligen DDR waren, aus wenigen Resourcen schicke Kleidung selbst zu nähen. Davon sind etliche Zeugnisse zu sehen, die Karin Jage geschickt hat, denn sie konnte nicht nach Büdingen kommen. Der Schrank ist mit Alltags- genauso wie mit Ausgehkleidung aus Ost und West bestückt, wobei die Dederon-Kittelschürzen, die lange Zeit das „typische“ Bild der DDR-Frauen prägten, nicht fehlen. Selbstgestricktes, Schnittmuster und Häkelanleitungen sind ebenso dabei wie Modezeitschriften, zum Beispiel die ostdeutsche „Sibylle“. Auch Liedtexte aus Ost und West und weitere Dokumente aus der Wendezeit kann man einsehen. Zudem hat Sieglinde Huxhorn-Engler ein Interview mit Jürgen Dzick geführt, der Anfang der 1990er Jahre mit seiner Frau aus der DDR nach Büdingen kam und hier jahrelang Leiter der fürstlichen Schlossbauhütte war. Seine Frau steuerte ebenfalls schicke Blusen für die Schrankfüllung bei.



Aus dem Kreis-Anzeiger, 16.11.2021